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Richard Dedekind
Dedekind hatte maßgeblichen Anteil an der Erforschung der Grundlagen der modernen Algebra und der algebraischen Zahlentheorie. Ganz wesentlich war die Entwicklung seiner Idealtheorie, die er erstmals in ausführlicher und systematischer Form 1879 veröffentlicht hat, und zwar als XI. Supplement in der dritten Auflage von Dirichlets Vorlesungen über Zahlentheorie unter dem Titel Über die Theorie der ganzen algebraischen Zahlen. Darüberhinaus beschäftigte sich Dirichlet mit dem Aufbau der Zahlensysteme. In diesem Zusammenhang sind vor allem seine berühmten Schriften Stetigkeit und irrationale Zahlen (1872) und Was sind und was sollen die Zahlen? (1887) zu nennen. In der ersten dieser zwei Schriften geht es um die Einführung der reellen Zahlen. Mit Rückblick auf seine Vorlesungstätigkeit als Professor am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich im Jahr 1858 schreibt Dedekind im Vorwort dieser Schrift: Bei dem Begriffe der Annäherung einer veränderlichen Größe an einen festen Grenzwert und namentlich bei dem Beweise des Satzes, daß jede Größe, welche beständig, aber nicht über alle Grenzen wächst, sich gewiß einem Grenzwert nähern muß, nahm ich meine Zuflucht zu geometrischen Evidenzen. Auch jetzt halte ich ein solches Heranziehen geometrischer Anschauung bei dem ersten Unterrichte in der Differentialrechnung vom didaktischen Standpunkte aus für außerordentlich nützlich, ja unentbehrlich, wenn man nicht gar zu viel Zeit verlieren will. Aber daß diese Art der Einführung in die Differentialrechnung keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit machen kann, wird wohl niemand leugnen. Für mich war damals dies Gefühl der Unbefriedigung ein so überwältigendes, daß ich den festen Entschluß faßte, so lange nachzudenken, bis ich eine rein arithmetische und völlig strenge Begründung der Infinitesimalanalysis gefunden haben würde. Die Lösung dieses Problems gelang Dedekind nach eigener Angabe am 24. November 1858. Nichtsdestotrotz hat Dedekind seine Gedanken erst vierzehn Jahre später veröffentlicht. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Analogie zwischen den rationalen Zahlen einerseits und Punkten einer Geraden andererseits. Hierbei ist erstens vorausgesetzt, dass man mit rationalen Zahlen in bekannter Weise rechnen und diese Zahlen anordnen kann (→ Die Menge der rationalen Zahlen) und zweitens ist vorausgesetzt, dass man einer Geraden zwei entgegengesetzte Richtungen zuordnen kann ("links" und "rechts" genannt). Die Analogie besteht nun im Folgenden (mit a, b und c werden rationale Zahlen, mit p, q und r werden Punkte auf einer Geraden g bezeichnet):
Wählt man einen beliebigen Punkt auf der Geraden g als Nullpunkt o aus und wählt eine bestimmte Längeneinheit zum Ausmessen der Strecken zwischen o und den Punkten P auf g, dann findet man zu jeder rationalen Zahl in eindeutiger Weise einen entsprechenden Punkt auf g. Alle Punkte, die zu negativen Zahlen gehören, liegen dann links und alle zu positiven Zahlen gehörenden Punkte liegen rechts von o. Der Punkt o entspricht der Zahl 0. Die so definierte Zahlengerade besitzt Punkte, die nicht zu rationalen Zahlen gehören!
Beispielsweise kann mit Hilfe der Diagonale des Einheitsquadrates ein Punkt auf der Zahlengeraden konstruiert werden, der zu keiner rationalen Zahl gehört (→ Beweis). Man macht sich leicht klar, dass es unendlich viele von diesen Lückenpunkten geben muss. Das Ausfüllen der Lücken mit den so genannten irrationalen Zahlen geschieht unter der Annahme, dass das Dedekind'sche Axiom uneingeschränkt gültig ist. Es lautet in der ursprünglichen Fassung so: Zerfallen alle Punkte der Geraden in zwei Klassen von der Art, daß jeder Punkt der ersten Klasse links von jedem Punkte der zweiten Klasse liegt, so existiert ein und nur ein Punkt, welcher diese Einteilung aller Punkte in zwei Klassen, diese Zerschneidung der Geraden in zwei Stücke hervorbringt. Zerlegt man die Menge der rationalen Zahlen in zwei Teilmengen A1 und A2 mit der charakteristischen Eigenschaft, dass jede Zahl a1 ∈ A1 kleiner ist als jede Zahl a2 ∈ A2, so heißt eine derartige Zerlegung Dedekindscher' Schnitt. Ein solcher Schnitt wird mit (A1, A2) bezeichnet und beschreibt entweder eine rationale Zahl a (die dann entweder die größte Zahl in A1 oder die kleinste Zahl in A2 ist) oder eine irrationale Zahl. Hierzu schreibt Dedekind:
„Jedesmal nun, wenn ein Schnitt (A1, A2)
vorliegt, welcher durch keine rationale Zahl hervorgebracht wird, so
erschaffen wir uns eine neue, eine irrationale Zahl α, welche wir als durch diesen Schnitt (A1, A2)
vollständig definiert ansehen; wir werden sagen, daß die Zahl α diesem Schnitt entspricht, oder daß sie diesen
Schnitt hervorbringt. Es entspricht also von jetzt ab jedem bestimmten
Schnitt eine und nur eine bestimmte rationale oder irrationale Zahl und wir
sehen zwei Zahlen stets und nur dann als verschieden oder ungleich an, wenn
sie wesentlich verschiedenen Schnitten entsprechen.“ Auf Grundlage dieser Definition gelingt es Dedekind, die reellen Zahlen (das heißt: alle rationalen und irrationalen Zahlen) anzuordnen, ferner zu zeigen, dass ein Schnitt von ℝ von genau einer reellen Zahl hervorgebracht wird und schließlich die bekannten Rechenoperationen in ℝ zu definieren.
Wikipedia: Julius Wilhelm Richard Dedekind |
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